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Mein Shanghai

»Wenn ihr die Digitalisierung richtig erleben wollt, müsst ihr unbedingt dahin kommen, wo sie am weitesten fortgeschritten ist«, rieten uns Eric Lin, Managing Director unseres chinesischen Distributors, und seine Assistentin Vanessa Yao. Klingt plausibel, fanden wir, folgen jetzt ihrer Einladung, und sie zeigen uns Shanghai.

Shanghai – das klang bisher in unseren Ohren fast nach einer fernen Märchenstadt, nach einem unwirklichen Ort, geformt aus Fantasie, eingebettet in eine andere Welt. Es ist auch eine andere Welt, die sich uns nach neuntausend Kilometern in der Luft beim Landeanflug auf die 24-Millionen-Seelen-Metropole am Ostzipfel Chinas offenbart. Das Nebeneinander von Alt und Neu scheint wie eine gigantische Petrischale, in der ein vitales Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne gedeiht. Reizüberflutung beim Verlassen des Flughafens. Ein Potpourri aus emsigem Treiben, bunten Farben, fremden Klängen, exotischen Gerüchen und unverständlichen Leuchtreklamen weckt ein Kribbeln im Bauch, die freudige Erwartung auf ein packendes Abenteuer. Shanghai, wir kommen. Taxi, wir sind da.

Das Smartphone zeigt sieben Uhr morgens. Der Fahrer lässt sein Auto wie ein Blutkörperchen durch die Verkehrsadern der Stadt schwemmen. Die Ampeln geben den Puls vor. Unser Englisch scheint für ihn so unüberwindlich wie die Chinesische Mauer, sein Chinesisch für uns sowieso. Dennoch bringt er uns zielsicher zur Adresse auf dem Ausdruck, den wir ihm zu Beginn der Fahrt überantwortet haben. Das Hotel ist ultramodern, die Rezeption ohne Personal. Nur ein Terminal, an dem wir den QR-Code unserer Buchungsbestätigung scannen und sogleich von einer jungen Dame am Bildschirm virtuell willkommen geheißen werden. Ein paar Formalitäten noch, dann sind wir eingecheckt. Komplett digital. Das Zimmer ist von überschaubarer Größe, höchst funktional, pieksauber und bietet einen atemberaubenden Blick über die Stadt. Wir durchforsten unser Vokabular nach angebrachten Superlativen. Dann müssen wir uns beeilen. Eric und Vanessa erwarten uns in der Lobby – echt, nicht virtuell!

Aufbäumende Wolkenkratzer stellen sich historischen Bauten gegenüber

»Shanghai wohnt etwas Mystisches inne. Nicht umsonst nennt man es auch ›Modu City‹, was so viel bedeutet wie ›Monsterstadt‹ oder ›magische Stadt‹. Heute ist es zu einem Symbol für Hightech und hohe Lebensqualität geworden«, erzählt Eric Lin, sichtlich entschlossen, uns in den nächsten Stunden jede Menge Beweise dafür zu liefern. Die erste Etappe führt uns zu The Bund, einem rund fünfzehnhundert Meter langen Ich-kann-mich-nicht-sattsehen-Weg entlang des Westufers des Huangpu-Flusses. Hier erschließt sich einem ein beeindruckender Panoramablick. Wolkenkratzer bäumen sich vor einem auf. Ihnen gegenüber Bauten mit architektonischen Einflüssen aus Gotik, Barock, Romanik, Klassizismus und Renaissance. Bedeutende historische Geschichten verbergen sich hinter ihren Fassaden.

»Als Studentin führte mich der Weg zu meiner Uni hier vorbei«, erinnert sich Vanessa. »Dabei mahnte mich The Bund stets an das Leben eines Menschen. Am Morgen gleicht er einem erwachenden Baby, ganz friedlich und süß. Langsam bevölkern ihn die Menschenmassen. Er wird laut und sprüht voller unbändiger Energie wie ein Teenager. Wenn die Nacht naht, gewinnt er seine Ruhe zurück. Vorbeiziehende Autoscheinwerfer und das gleichmäßige Blinken von Lichtern aus den Gebäuden verleihen ihm inspirierenden Charme. Doch am meisten mag ich ihn des Nachts, dann, wenn er mit seiner abgeklärten Ruhe dazu einlädt, seinen Gedanken nachzuhängen.« Wir lieben es, wie unsere Gastgeber in Bildern zu sprechen. Unzählige Touristen posieren für Selfies vor der eindrücklichen Skyline. Ein Mann mit drei umgehängten Kameras scheucht sie weg. Dann erscheint wie aus dem Nichts ein heruntergekämpftes Hochzeitspärchen, lässt sich vom Fotografen in Position bringen und lächelt auf Kommando den Stress weg. Kurzes Blitzlichtgewitter, und schon sind sie verschwunden. Nun soll es dreimal hoch hinaus gehen. Wir schlendern in den Pudong Park, in dem der 1995 eröffnete Oriental Pearl TV Tower 468 Meter in die Höhe ragt. »Zusammen mit der Yangpu-Brücke im Nordosten und der Nanpu-Brücke im Südwesten formt sich das Bild von Zwillingsdrachen, die mit Perlen spielen«, beschreibt Eric Lin das einzigartige architektonische Konzept. Tatsächlich! Hinter der Eingangspforte erwartet uns ein Erholungspalast, der vom historischen Museum bis zur Science-Fiction-Stadt alles bietet.

„Sky Walk“ – die Mutprobe auf der hundertsten Etage

Kaum zurück auf dem Boden, stehen wir vor einem weiteren Giganten, dem World Financial Center. Mit ihm hat Shanghai seine Rolle als Finanzmagnet Asiens im wahrsten Sinne des Wortes zementiert. Annähernd ein halber Kilometer vertikale Baukunst in Stahl, Beton und Glas erhebt sich in den Himmel. »Der Bau beherbergt ein erstklassiges Finanzzentrum, ein Luxushotel, mehrere Einkaufszentren und, auf 474 Metern, eine 750 Quadratmeter große Sightseeing-Halle.« Diese sensationelle Kulisse wird auch gerne für Kunstausstellungen genutzt. In der hundertsten Etage werden wir von Eric in eine Mutprobe gequatscht: Wir sollen den »Sky Walk« erleben, einen fünfzig Meter langen Korridor mit einem Boden aus Glas. Optisch trennt uns nichts vom freien Fall. Das Hirn schreit »Nein!«, die Nebennieren produzieren Adrenalin im Überfluss, die Knie zittern, unsere Körper sind zu beschäftigt, um zu sprechen. Einige Besucher schreien panisch beim Blick nach unten, andere geraten in Schockstarre. Tapfer arbeiten wir uns Schritt für Schritt auf vermeintlich sichereren Untergrund zurück, wo uns Eric und Vanessa ein wohlwollendes, breites Grinsen schenken. Etwas später löst sich im Restaurant bei einer Tasse Kaffee die Anspannung und macht einem seltsamen Hochgefühl Platz. Clark Kent aus, Superman an!

Mit dem schnellsten Lift zur höchsten Indoor-Beobachtungsplattform der Welt

Schwindel zum Dritten: Mit einer Geschwindigkeit von 64 Stundenkilometern rasen wir im schnellsten Aufzug der Welt die 632 Meter des Shanghai Tower hoch. Um den Windeffekt in großer Höhe auszugleichen, windet sich das höchste Gebäude Chinas wie eine Schlange in die Luft. Seine Konstruktion vereint Statik und Architektur in Reinkultur. Das beruhigt, denn Taifune sind hier keine Seltenheit. Eine doppelte Glasfassade sorgt für angenehmes Klima im Inneren. »Das Prinzip ähnelt jenem einer gigantischen Thermoskanne«, erklärt uns Eric auf dem Weg zum Top of Shanghai Observatory, der höchsten Indoor-Beobachtungsplattform der Welt.

Um unsere Pulsfrequenz wieder auf den Normalbereich zu senken, schlagen unsere Gastgeber den Weg zum Yu Yuan Garden ein. Auf einmal eilt Vanessa behände auf eine Fahrradstation zu. Dort entriegelt sie mit ihrem Smartphone Zweiräder, auf die wir uns schwingen und lautlos durch die Anlage gleiten. Welch ein Kontrast! Hier scheint die Zeit seit vierhundert Jahren stillzustehen. Pavillons, Steingärten, Teiche und Klöster ziehen an uns vorbei, einzig untermalt vom sanften Fahrtwind, der das Zwitschern von Vögeln in unsere Ohren trägt. »Nach dem Untergang der Ming-Dynastie verwahrloste die Anlage. Ab 1760 wurde während 20 Jahren rekonstruiert, während des Opiumkrieges im 19. Jahrhundert wurde sie erneut stark beschädigt«, weiß Eric. »Was man heute sieht, ist das Ergebnis eines Wiederherstellungsprojekts, das 1956 begonnen und 1961 abgeschlossen wurde.« »Schaut mal!«, sagt Vanessa und zeigt auf einen großen, löchrigen Stein, dessen Form an ein abgebrochenes Stück Emmentaler Käse erinnert. »Das ist der berühmte Jadefelsen. Er ist über drei Meter hoch und hat 72 Löcher. Wenn ein Räucherstäbchen direkt unter dem Felsen brennt, schwebt sein Rauch wie magisch durch alle Öffnungen.« Tatsächlich, wie ein seidener Schleier räkelt sich ein Hauch feinen Nebels um den Stein.

Kunterbuntes Treiben in der bedeutendsten Einkaufsstraße Chinas

Erics Stimme holt uns zurück aus der meditativen Stimmung. »Shopping?«, will er wissen. Unser Blick wechselt binnen Sekundenbruchteilen von verklärt auf konsumhungrig. Europäer halt … »Die Nanjing Road ist die bedeutendste Einkaufsstraße Chinas«, füttert uns Vanessa mit Informationen. Das Bild ist überwältigend. Luxusladen reiht sich an Luxusladen, blinkende Neonschilder erhellen die prunkvollen Gebäude des Nachts. Dazwischen locken Open-Air-Bars mit ihrem Angebot zum Verweilen. Straßenmusiker begleiten das kunterbunte Treiben der Menschenmassen an einem Ort des Überschwangs, der mit seiner sprühenden Lebensfreude ansteckt. Und überall finden sich kleine, traditionelle Geschäfte, die ausgesuchte Seidenwaren, Jade, Stickereien, Wolle oder Uhren feilbieten.

»Wer dem Dichtestress entfliehen will, besucht am besten den People Square. Die grüne Lunge Shanghais liegt mitten im Zentrum«, empfiehlt Eric. Wir stehen auf dem zentralen Platz, vor uns ein runder Musikbrunnen. Von ihm aus erstreckt sich ein Grüngürtel in alle Richtungen. Im Süden sticht uns das Shanghai Museum durch seine Architektur ins Auge. »Es ist einem chinesischen Kochtopf nachempfunden«, löst Vanessa unser Mutmaßen über die außergewöhnliche Formgebung auf. »Die modernen Bauten rund um den Platz prägen Shanghais modernes Erscheinungsbild und geben einem neuen Lebensstil ein Gesicht.«

Verwinkelter wird’s in Tianzifang, das sich aus der einstigen Arbeiter- und Fabrikgegend zum hippen Trendquartier entwickelt hat. In den engen Gässchen wuseln Yuppies, Trendsetter und Designer umher, alle den Blick auf ihre Smartphones gerichtet. Influencer werfen sich in Pose, lassen sich ablichten, begutachten die Bilder und stellen sie unmittelbar danach online. Handyzombies wohin das Auge reicht. Dass es nicht laufend Fußgängerkollisionen gibt, verwundert uns. Die unzähligen Läden ziehen uns magnetisch an. In den Shops geht kein Bargeld über den Tresen. Auch Kreditkarten scheinen hier unbekannt. Verbucht wird alles über die Smartphone-App. Hier finden wir bestimmt Souvenirs für die Lieben zuhause. Doch Vanessa warnt uns: »Seid vorsichtig, die meisten Dinge hier sind sehr teuer, aber nicht wirklich wertvoll. Wenn ihr ein Schnäppchen machen wollt, solltet ihr euch besser mit den Dingen auskennen, die ihr kaufen wollt …«

Zeit für eine Kaffeepause bei JURA China

Langsam zehren Jetlag und die unzähligen fremden Reize an unseren Reserven. »Zeit für eine Kaffeepause«, findet Eric. Der Mann scheint Gedanken lesen zu können. Und so rasten wir für einmal dort, wo Eric und Vanessa üblicherweise arbeiten und von wo aus sie mit ihrem Team JURA in China bekannt machen. Ihr Büro befindet sich im Gebäude von WeWork. »Hier sind die unterschiedlichsten Firmen eingemietet. Vom Freiberufler über Start-ups bis hin zu innovativen, internationalen Unternehmen«, skizziert Eric das Konzept von WeWork. Und Vanessa ergänzt: »Die Flexibilität ist großartig. Das Raumangebot wird den unterschiedlichsten Anforderungen gerecht. Es gibt private Büros, Großraumbüros oder gemeinsam genutzte Bereiche. Der beliebteste ist natürlich jener, in dem unsere JURA-Vollautomaten stehen …«

Wir werden mit Kaffeespezialitäten verwöhnt und sehen uns weiter um. Mit besonderem Stolz präsentiert uns Eric das eben erst eingerichtete Studio von JURA LIVE. »Von hier aus beraten wir mit dem bei euch in der Schweiz entwickelten Tool den Raum Shanghai live zu JURA-Vollautomaten.« Der virtuelle Verkaufspunkt hat in China eine immense Bedeutung, lernen wir. »Wer hier mit der Digitalisierung mithält, hat die besten Karten. Fast 80 Prozent aller Kaffeemaschinen werden online gekauft«, gibt Vanessa zu bedenken. »Und das meist übers Smartphone. China hat quasi das Computerzeitalter übersprungen und ist direkt von Papier und Stift aufs Smartphone umgestiegen.« Während wir an unserem Kaffee nippen, beobachten wir, wie die Dame im Studio eine E8 demonstriert. Obwohl wir kein Wort verstehen, spüren wir die Begeisterung, mit der sie zugange ist. Am Ende des Gesprächs leuchten Erics Augen. Wir deuten es als Zeichen für einen erfolgreichen Verkauf.

Welch wichtigen Einfluss auch eine kompetente physische Ladenpräsenz auf die Aura einer Marke hat, erleben wir im Orient Shopping Centre, zu dem wir mit der Metro fahren. Tickets im klassischen Sinn verwendet hier niemand. Alles wird mobil bezahlt. Das Scannen eines QR-Codes in der App öffnet die Pforte zur U-Bahn. Im Geschäftsviertel Xujiahui gelegen, strahlt der Konsumtempel selbstbewusst seine Bedeutung als wichtigstes Einkaufscenter Shanghais aus. Die Logos über den Eingängen und in den Schaufenstern reihen sich zu einem Who-is-Who internationaler Top-Brands und regionaler Spezialitätengeschäfte. Hier orientiert man sich, sucht nach Trends oder will einfach Produkte, die man im Internet gefunden hat, in der Realität betrachten. Eric steuert auf den Verkaufspunkt von JURA an prominenter Lage zu, wechselt ein paar Worte mit der Beraterin und rückt mit asiatischem Perfektionismus Ausläufe, Prospekte und Preisschilder zurecht.

Ein auferstandenes Atlantis mit asiatischem Charisma

Es wird Abend. Die Dämmerung hüllt die Stadt in dunkle Linnen, was die Abermillionen von bunten Lichtern vollendet zur Geltung bringt. Shanghai funkelt, strahlt, glitzert, es glänzt wie ein digitales El Dorado, ein auferstandenes Atlantis mit asiatischem Charisma. In einem klassischen Restaurant erleben wir herzerwärmende Gastfreundschaft und traditionelle chinesische Speisen, an die sich unsere Augen und Gaumen zunächst sorgfältig herantasten, die danach aber unseren Eindruck des fantastischen Abenteuers Shanghai lukullisch unterstreichen. Eric und Vanessa laden ein … und bezahlen kontaktlos per Smartphone.

Wieder zu Hause, verbreitet der europäische Umgang mit der digitalen Welt, die innige Liebe zu Bargeld, der leicht verklemmte Bezug zu Konto- und Kreditkarten schon beinahe einen steinzeitlichen Charme. Die alte Welt hat uns wieder, um viele unvergessliche Eindrücke reicher. Zum Dank für die wunderbare Gastfreundschaft schreiben wir Eric und Vanessa ein Kärtchen – ganz analog und altmodisch –, und sind gespannt, ob es sie in der bunten, digitalen Welt Shanghais erreichen wird.



Fotos: A Jun